Beschäftigte berichten von Zynismus, Druck und Selbstmord eines Kollegen



 

Rüsselsheim, 10.11.2010

Mit der nahezu vollzähligen Mannschaft sind die Mitarbeiter der Städtischen Betriebshöfe am Dienstag im Anschluss an ihre Personalversammlung in der Rathaus-Rotunde vors Magistratszimmer gezogen, um der Verwaltungsspitze klar zu machen: Das Arbeitsklima und die Motivation der Beschäftigten in den Betriebshöfen sind am Nullpunkt angelangt, es muss etwas geschehen, und zwar sofort.

 

Aktueller Anlass zum Protest waren geplante Einsparungen bei der Rufbereitschaft des Winterdienstes. Doch bei dieser Gelegenheit brach die in der Vergangenheit schon häufiger angeklungene grundsätzliche Kritik am Führungsstil der Betriebsleitung mit aller Heftigkeit durch (das ECHO hat berichtet). Personaleinsparungen, willkürliche Umbesetzungen von Mitarbeitern, Arbeitsdruck und Arbeitshetze, der herablassende Umgang mit den Beschäftigten und auch sexistische Äußerungen einer Vorgesetzten, das Ausspionieren durch Privatdetektive und Mobbing lauten die Vorwürfe, die die Belegschaft in einer Resolution noch einmal an die zuständige Dezernentin Silke Klinger und Bürgermeister Jo Dreiseitel überbrachten.

 

Während immer mehr Einzelfälle von Mobbing und Repressionen bekannt werden, bestätigt die Geschäftsführung mit ihrem Vorgehen die Vorwürfe erneut: Einem Mitarbeiter, der sich wegen eines diffamierenden Aushangs am Schwarzen Brett für Mitteilungen der Betriebsleitung an den Personalrat gewandt und seinen Fall in der vergangenen Woche öffentlich gemacht hatte, wurde inzwischen kurzerhand seine Tour in der Straßenreinigungskolonne weggenommen, die er seit zehn Jahren fährt, und ein anderes Aufgabengebiet zugewiesen.

 

Eine frühere Beschäftigte berichtet, dass die Geschäftsführung während ihrer Krankschreibung bei ihrem Arzt nachtelefoniert habe, um dem Wahrheitsgehalt der Krankmeldung zu hinterfragen. Immer wieder stürze die von Geschäftsführer Jens Will geleitete Führungsriege die Kollegen mit dem Hinweis, es seien Beschwerden über sie eingegangen, in Verunsicherung und setze sie so unter erheblichen Druck.

 

Sogar bei der Frage nach den Ursachen für den Selbstmord eines 41 Jahre alten Beschäftigten im September wird das Klima des Drucks und der Angst, das die Geschäftsführung in den Städtischen Betriebshöfen verbreite, in Zusammenhang gebracht. Der Vater zweier Kinder habe als engagierter Mitarbeiter der Spielplatzkolonne unter anderem immer wieder darauf hingewiesen, dass mit dem zu knapp bemessenen Personal nicht für die Sicherheit der Spielgeräte gesorgt werden könne. Bei einem Personalgespräch vier Tage vor seinem Freitod habe man ihn wissen lassen, dass auch er ersetzbar sei und gedroht, ihm seinen Arbeitsbereich zu entziehen, heißt es aus Kreisen der Belegschaft. Die Geschäftsleitung habe einen derart rauen Ton angeschlagen, dass der Kollege völlig verstört gewesen sei. Auch in der Grabrede eines Familienmitglieds und in Gesprächen mit Angehörigen sei angeklungen, dass die Sorgen am Arbeitsplatz den Familienvater extrem belasten und ihm den Lebensmut genommen haben, berichten Teilnehmer der Trauerfeier.

 

Eine längere Vorgeschichte hat auch der Fall des erkrankten Mitarbeiters, auf den von der Betriebsleitung ein Privatdetektiv angesetzt worden war, um Beweismaterial für eine Kündigung zu sammeln. 20 000 Euro waren für die Observation des Mitarbeiters ausgegeben worden, wie am Dienstag in der Personalversammlung nochmals bestätigt wurde. Die im Juni erfolgte Kündigung des Mitarbeiters war von der Dezernentin mit Verweis auf diese Methoden rückgängig gemacht worden.

 

Aus Sicht der Darmstädter Fachanwältin Astrid Cornelius, die den Mitarbeiter vertritt, war die Kündigung eine Retourkutsche auf eine Auseinandersetzung mit der Betriebshöfeleitung im Frühjahr dieses Jahres. Der Mitarbeiter ist Vater eines zu hundert Prozent schwerbehinderten Kindes, seine Frau arbeitet in Nachtschicht. Da die Schule, in der das Kind betreut wird, angekündigt hatte, dass sie in den Osterferien für eine Woche schließe, habe der Mann rechtzeitig Urlaub beantragt, um sein Kind betreuen zu können. Kurz vor dem Termin sei dem Mitarbeiter der Urlaub verweigert worden. Sinngemäß sei dem Mann unterstellt worden, er schiebe sein behindertes Kind vor, um Urlaub zu bekommen, berichtet Cornelius. Zudem sei die Bemerkung gefallen: »Jeder hat sein Päckchen zu tragen.« Die Anwältin: »Eine solche Aussage ist bösartig.« Erst als sie per Einstweiliger Verfügung beim Arbeitsgericht versucht habe, den Urlaubsanspruch des Mannes durchzusetzen, habe das Rechtsamt der Stadt plötzlich eingelenkt. Cornelius: »Die hatten Angst, dass rauskommt, was bei den Betriebshöfen läuft.« Die Bespitzelung ihres Mandanten macht die Anwältin fassungslos: »Das ist die Antwort auf das, was er erstritten hat. Man wollte ihn raushaben. Ich habe in meinem Beruf schon viel erlebt, aber das ist absoluter Bodensatz.«

In ihrer gestern an den Magistrat überbrachten Resolution fordern die Beschäftigten der Betriebshöfe die »aktive Bekämpfung von Mobbing« und eine »menschenwürdige Behandlung« sowie mit Blick auf die bekannt gewordene Beschattung eines Beschäftigten durch Privatdetektive die Einhaltung der Persönlichkeitsrechte und des Bundesdatenschutzgesetzes.

 

Der Magistrat, der im Anschluss an den Besuch der Personalvertreter zu seiner Sitzung zusammenkam, traf gestern keine Aussagen zu den konkreten Vorwürfen und Forderungen der Belegschaft. Er wolle »Sachaufklärung zu der Diskussion um die Betriebshöfe« und habe deshalb die Betriebsleitung der Betriebshöfe zunächst angehört und sie beauftragt, zu allen offenen Fragen ausführlich Stellung zu nehmen, heißt es in einer knappen schriftlichen Stellungnahme. »Der Magistrat hat auch Vertreter des Personalrats angehört und will, auch um Ruhe in die Geschichte zu bringen, dass sich Magistratsmitglieder und Personalratsmitglieder zusammensetzen, um alle Fragen zu besprechen.« Ziel sei, keine Fragen offen zu lassen und »die Betroffenen nötigenfalls in Schutz zu nehmen.« Betriebsleiter Jens Will wollte noch keine Stellungnahme zu den Vorwürfen abgeben.

 

 


UNSER TEAM


WERNER MANSHOLT

MICHAEL LODZIK

ASTRID CORNELIUS

SILKE VRANA-ZENTGRAF

KLAUS KLIMASCHEWSKI

CATRIN RAANE

 

Rechtsanwälte und Fachanwälte

für Arbeitsrecht

Rheinstrasse 30

64283  Darmstadt

 

Tel.: 06151 / 2 62 64

Fax.: 06151 / 2 54 61

kanzlei(at)mansholt-lodzik.de

 

Besprechungsraum Frankfurt

An der Welle 4

60322 Frankfurt/M.