Schreiber und Keilwerth: Geschäftsleitung zu keinen Zugeständnissen bereit – Gewerkschaft warnt vor Einzelverträgen


NAUHEIM. Die Verhandlungen zwischen dem Betriebsrat der Musikinstrumentenfirma Schreiber & Keilwerth und der Firmenleitung sind gestern abgebrochen und auf nächste Woche vertagt worden. Wolfgang Gruber von der IG Metall erkennt in einer „kompromisslosen Haltung der Geschäftsleitung“ das Ziel, den Standort Nauheim zu schließen. Bis zum heutigen Freitag verlangt Geschäftsführer Armin Eckert, dass sich die Mitarbeiter schriftlich zu Lohnverzicht und Mehrarbeit bekennen. Ansonsten werde der Standort Nauheim geschlossen und die Produktion ins sächsische Markneukirchen verlagert, droht das Unternehmen.


Gestern, gegen 15 Uhr, wurden die Verhandlungen abgebrochen. Gruber spricht von der Forderung eines „Gehaltsverzichts in exorbitantem Maߓ, dem „überhaupt keine ausreichenden Garantien für den Standort“ entgegenstünden. Der Gewerkschafter bilanziert: „Wir verstehen darin die Absicht der Firmenleitung, den Standort Nauheim komplett zu schließen.“



Als die Geschäftsführung während der Verhandlungen ihre Vorstellungen für die Standortschließung übergeben habe, seien der Betriebsrat, er als Vertreter der Gewerkschaft und IG Metall-Anwalt Werner Mansholt nicht mehr bereit gewesen, die Verhandlungen fortzusetzen, berichtet Gruber. Jetzt bleibe nur die Hoffnung auf die Vernunft der Firmenleitung, nicht weiterhin alles auf eine Karte zu setzen. Sonst drohe der Verlust von 60 Arbeitsplätzen in Nauheim.



Die Verhandlungen zogen sich bis in den Nachmittag. Schon kurz nach 12 Uhr schien ein Kompromiss in weite Ferne gerückt zu sein. Nach einer Verhandlungspause wurde bekannt, dass die Geschäftsführung die Gewerkschaft nicht als Gesprächspartner für den Standort Nauheim akzeptiere. Stattdessen solle der Betriebsrat die Beschäftigten dazu bewegen, Vereinbarungen für Lohnverzicht und Mehrarbeit zu unterschreiben. Als sich diese Forderung der Geschäftsleitung in der Belegschaft herum sprachen, hieß es dort: „Die haben schon die Sozialpläne in der Schublade“.



Schon am Morgen spitzten sich die Ereignisse zu. Um 10 Uhr haben die Mitarbeiter sich gegenseitig ihre Solidarität bekundet. Im Werk II, das etwa 300 Meter vom Werk I entfernt in der Industriestraße liegt, unterbrachen die Kollegen die Arbeit und marschierten zum Hauptsitz.



Die Arbeiter trafen sich in einer Produktionshalle. Auch Verwaltungsbedienstete stießen hinzu. Betriebsratsvorsitzender Gerwin Lauterbach berichtete seinen Leuten, dass er zusammen mit der Gewerkschaft IG Metall die Position vertrete, nicht über eine „Standortschließung“ zu verhandeln, sondern über eine Weiterbeschäftigung mit Standortgarantie für Nauheim.


Die Unruhe unter den Beschäftigten war zu diesem Zeitpunkt spürbar. Sie verstanden ihren Aufmarsch als Meinungsbekundung, zu der jeder das Recht habe. Gestärkt in dieser Position fühlte sich die Belegschaft durch die Vertreter der IG-Metall. Anders erging es offenbar Vertretern der Arbeitnehmer vor wenigen Tagen, nachdem sie mit unserer Zeitung gesprochen hatten. Daraufhin, so war von Mitarbeitern zu erfahren, soll die Firmenleitung gedroht haben, die Äußerungen des Betriebsrates gegenüber der Presse juristisch prüfen zu lassen.



Wolfgang Gruber als Bevollmächtigter der IG Metall und Gewerkschaftsanwalt Werner Mansholt (Darmstadt) rechtfertigten gestern die Position des Betriebsrates und die Solidaritätsbekundung der Kollegen. Geschäftsführer Armin Eckert war zu diesem Zeitpunkt vom Betriebsrat über die Anwesenheit der Presse in der Firma informiert worden. Er kritisierte den Aufmarsch, weil dieser die Verhandlungen unterbrochen habe. „Gedulden Sie sich“, rief er den Leuten zu. Er wolle sie über den Fortgang informieren, sobald das möglich sei.



Gewerkschafter Gruber empfahl, mit der Geschäftsleitung keine Einzelvereinbarungen zu unterschreiben. Es gehe „ums Kollektiv“. Nur so sei eine Garantie für den Standort zu erreichen. Betriebsratsvorsitzender Lauterbach sagte, dass ein vernünftiger Abschluss für alle angestrebt werde. Schubladenvereinbarungen für einzelne sollten besser unterbleiben.



Anwalt Mansholt warnte vor einer Spaltung der Belegschaft. Bei der Suche nach einer Standortzusage seien womöglich auch Einschnitte beim Lohn denkbar, aber gleichzeitig müsse die Firmenleitung einen Sanierungsplan vorlegen. Darin sei aufzuzeigen, in welchen Bereichen gespart werde.



Scheitern die Verhandlungen, müsste eine Einigungsstelle angerufen werden, war zu erfahren. Dann käme es zu einer Entscheidung vor dem Arbeitsgericht.



Rainer Beutel
17.2.2006
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