Wie aus Firmen-Pleiten fotografische Nachdenklichkeit wächst


BONJOUR TRISTESSE, adieu Arbeitsplatz: Der Darmstädter Arbeitsrechtsanwalt Werner Mansholt (57) musste in jüngster Zeit viele Fälle begleiten, da Firmen Insolvenz anmeldeten. Der gehobene Hobby-Fotograf in ihm hielt letzte Momente symbolisch fest. So eine leere, graue Spindwand (hier im Bildausschnitt), in der nur noch eine ockergelbe, vergessene Kaffeetasse als versiegte Hoffnung leuchtet. Das renommierte „Handelsblatt“ nahm Mansholts Still-Leben stillgelegten Arbeitslebens jetzt in den Kalender der „Besten Wirtschaftsfotos 2006“ auf. Dokument eines Abschwungs. (Foto: Werner Mansholt)


Werner Mansholt (57) hat nicht nur ein Auge für Paragraphen. Der Darmstädter Rechtsanwalt kultiviert seit Jahren auch ein drittes Auge (also insgesamt zwei Augen mehr als Justitia haben darf). Mansholts drittes Auge blickt privat durch seine geliebte Kamera Leica M6. Ein Auge, das in Korrespondenz mit dem empfindsamen Gemüt seines Inhabers künstlerisch, nachdenklich, mitunter gar philosophisch schaut.

 

Dafür hat der Darmstädter wiederholt Anerkennungen wie Auszeichnungen erfahren (wir berichteten). Obwohl dem seriösen Vertreter seines Berufsstandes zu viel Trara um seine Privat-Person gar nicht willkommen ist.Doch jetzt wird Mansholt von einer Würdigung ereilt, die seine beiden Welten vereint. Erteilt vom „Handelsblatt“, der größten Wirtschafts- und Finanzzeitung in deutscher Sprache (200 Redakteure und Korrespondenten). Die optische Sprache Mansholts überzeugte eine „Handelsblatt“-Jury so sehr, dass eine Aufnahme des Darmstädters nunmehr Eingang findet in den Kalender „Das beste Wirtschaftsfoto 2006“.Als gewiefter Arbeitsrechtler hatte der Anwalt die Pflicht, entlassene Angestellte von Pleite-Firmen bei Insolvenzen zu beraten. In Absprache mit den juristisch Beteiligten wurde ihm gewährt, Fotos des Niedergangs als symbolische Still-Leben aufzunehmen. Die Öde eines zwangsverabschiedeten Arbeitslebens zeigt sich in leeren Hallen, vergessenen Handschuhen, Pinupfoto-Fetzen über Werkbänken – und einer letzten Tasse im Spind (siehe Bild). Trauriges Auge mit Herz und Hirn.

Bert Hensel

21.10.2006

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